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Insgesamt wurden vierzig Männer und fünf Frauen selektiert. Die Zeitzeugin Johanna Fischer, heute 96 Jahr alt, berichtete bei der Ausstellungseröffnung 1995, dass sich die ausgesonderten Männer und Frauen vor der Kirche versammeln mussten. Danach hatten sie sich gegenüber der Kirche (in den jetzigen Ladebuchten) aufzustellen. Mit den Verhafteten durfte nicht mehr gesprochen werden. Ihre Angehörigen wurden aufgefordert, etwas Wäsche und einige Lebensmittel in einem Paket, versehen mit Namen und Inhaltsangaben, vor der Kirche abzustellen. Gegen 15.00 Uhr kamen zwei Busse vorgefahren und nahmen die Verhafteten auf. Der Arzt Dr. Heinrich Bick konnte durch Intervention im letzten Augenblick aus dem Bus geholt werden.Kurz nach 16.00 Uhr fuhren die Busse mit unbekanntem Ziel ab. Beim 1. Aufenthalt in Straßburg wurde Hermann Schultz, vermutlich auf Intervention der Bistumsleitung Speyer, entlassen und konnte nach Dahn zurück. Am 23. April 1945 wurden die Gefangenen in das ehemalige KZ Natzweiler/Struthof gebracht. Von hier aus ging es am 27. April 1945 in geschlossenen Viehwagen in das Lager Poitiers südwestlich von Paris, wo die Deportierten bis zum 27. Oktober 1945 hinter Stacheldraht blieben. Wochenlang haben die Angehörigen nichts von ihren verschleppten Familienmitgliedern gehört.
Frau Johanna Fischer die tags darauf auf der Ortskommandantur (Bürgermeisteramt) nach dem Verbleib ihres Vaters fragte, bekam zwar keine Auskunft, konnte aber einen verstohlenen Blick auf die LISTE werfen, die als gelbes Durchschlagpapier, auf dem Tisch lag. Außer ihr waren noch Frau Koch, die Medikamente für ihren Mann abgeben wollte, und ein Herr Jascheck im Raum anwesend.
Durch glückliche Umstände ist das Tagebuch von Peter Schappert als wichtigste Quelle erhalten geblieben. Peter Schappert hat vom ersten Tag seiner Deportation bis zu seiner Rückkehr aus Poitiers minutiös Eintragungen und Aufzeichnungen vom Lagerleben gemacht. Durch ihn erfahren wir aus erster Hand vom tristen Lageralltag, von Hoffen und Bangen, von Hunger und Durst, von Leid, Not und Tod im Lager Poitiers. Weitere wichtige Quellen bilden die Briefe, Aufzeichnungen, Akten und Unterlagen von Johannes Theobald, die Interviews und Beiträge der Geschwister Ruth und Marianne Wegmann, und der Bericht der Elsässerin Madeleine Mittag, geb. Koch, über ihren Aufenthalt im KZ Struthof von Frühjahr 1945 bis Weihnachten 1945.
Am 27. Oktober traten die Dahner Deportierten von Poitiers aus über Paris, Straßburg, Freiburg und Landau die Heimreise nach Dahn an, wo sie am Montag, dem 19. November 1945 um 7.00 Uhr auf dem Bahnhof Dahn eingetroffen sind. Die Frauen kamen ein paar Tage früher aus Freiburg. Abgemagert, krank und des Gehens kaum noch fähig, wurden sie von ihren Verwandten abgeholt und nach Hause gebracht.
Zwei Männer sind in Poitiers gestorben: Franz Schreiner und Jakob Burkhard. Weder die Angehörigen noch die Mitgefangenen wurden über den Tod der beiden informiert. Wo die beiden beerdigt sind, war nicht bekannt.
Johannes Theobald war wegen einer kritischen Äußerung 1935 aus der NSDAP ausgeschlossen worden. Er beherrschte die französische Sprache und hat von Poitiers aus alles versucht, um eine baldige Entlassung zu erreichen. Er war auch der einzige, der nach seiner Entlassung vergeblich den gerichtlichen Weg beschritten hat, um zu erfahren, wer die LISTE erstellt hat und wer die Verantwortlichen für seine Deportation waren. Der von ihm angestrengte Prozess wurde am Gericht in Zweibrücken niedergeschlagen mit der Begründung: Das Ansehen der kath. Kirche werde beschädigt. (Johanna Fischer und OStA a.D. Fritz Weibel, Ausstellungseröffnung 1995).
Bis zum Jahre 2019 war nur wenig über das Camp in Poitiers bekannt. Auf Ruth Stöckels 100. Geburtstag im Dezember 2018, gab ein Gast den entscheidenden Hinweis, dass in Poitiers ein Prof. Dr. Jean Hiernard zusammen mit seinem Team das ehemalige Lager wissenschaftlich erforscht und ein Buch darüber herausgegeben habe. Monsieur Hiernard stellte dem Verfasser alle gewünschten und zugänglichen Informationen zu Poitiers in unbürokratischer und großzügiger Weise zur Verfügung. Auf dessen Wunsch forschte Monsieur Hiernard im Stadtarchiv von Poitiers speziell nach Akten zu den Dahner Deportierten. Im Oktober 2019 fand er sowohl die Totenscheine der beiden Verstorbenen als auch – was einer kleinen Sensation gleichkommt – die akribisch geführte Personalakte der 44 Deportierten. Genauigkeit und Detailkenntnis der einzelnen Akten lässt den Schluss zu, dass auf deutsche Behörden zurückgegriffen wurde oder diese zugearbeitet haben. Von Aussehen, Tattoos, körperlichen Gebrechen, Anzahl der Kinder mit Altersangabe bis zum Schwiegervater wird in jeder Akte alles nach einem einheitlichen Schema aufgeführt. Als Verhaftungsgrund ist in jeder Akte ausnahmslos „Deutsches Subjekt“ genannt. Nur bei zwei Männern wird erwähnt, dass sie in einer Nazi-Partei bzw. Mitglieder in der NSDAP waren.
In der Akte Ruth Wegmann steht lapidar: Strafregister: 1 Jahr Gefängnis aus politischen Gründen. Eine weitere Differenzierung wird nicht vorgenommen. Ruth Wegmann wurde in Poitiers weder nach der Verurteilung und Inhaftierung durch die Nazis befragt noch bekam sie Gelegenheit auf ihre jüdische Abstammung aufmerksam zu machen. Ruth Wegmann: „Das hat die einfach nicht interessiert“.
