Dahn im Mai 2000


Kriegsgefangene trotz Verbots an den Mittagstisch geholt



Die Kriegsgefangenen in den Lagern müssen großen Hunger gelitten haben. Die Zeitzeugen berichten durchgängig, dass die gefangenen Russen selbstgefertigte Spielzeuge aus Holz, Holzschnitzereien, Kästchen, Körbe, Spazierstöcke, ja sogar Kuhnholz (harziges Kleinholz zum Feueranmachen) gegen Brot und Lebensmittel getauscht haben. Viele dieser kleinen Kunstwerke sind in der Nachkriegszeit verlorengegangen. Das eine oder andere Stück fristet noch ein verstecktes Dasein. Dem Zeitzeugen O. B. aus Dahn ist noch in bester Erinnerung, dass die Russen auf einem Holzteller aus Holz geschnitzte Hühner mit einem Hahn angeboten haben. Die Tiere waren so konstruiert, dass sie die Flügel bewegten und mit dem Kopf auf dem Boden pickten, wenn man sie an einer Kordel zog. Ähnliche Schilderungen hört man von Zeitzeugen in allen Dörfern, in denen es russische Gefangene gab. Manche gingen übers Wochenende von Haus zu Haus und boten an, in einem Versteck Holz zu sägen, um ein Stück Brot zu bekommen.
Dass in den Lagern Hunger herrschte, wird durch die Schilderungen vieler Zeitzeugen aus der ganzen Region bestätigt.

Dahn. Besonders drastisch wird der Hunger der Gefangenen durch die Schilderung des Zeitzeugen W. Sch. bezeugt. Er erinnert sich heute noch mit Schaudern daran, dass russische Kriegsgefangene ein durch Beschuss getötetes Pferd, das auf dem Feld in Richtung Erfweiler lag, zerteilt und das rohe Fleisch gegessen haben.
Dahn. Der Zeitzeuge O. B. berichtet, dass Jugendliche, die sich mit den russischen Kriegsgefangenen in der Alten Schule angefreundet hatten, gegen Bezahlung ab und zu einen Stein (Bier) für die Gefangenen geholt haben.
Dahn. Der Zeitzeuge W. B. erinnert sich, dass mit ihm eine Ukrainerin und ein Ukrainer die dritte Volksschulklasse in Dahn besucht haben. Ihre Eltern haben auf dem Sägewerk Thomasser in Dahn-Reichenbach gearbeitet. Ferner ist W. B. zusammen mit einem ukrainischen Junge am 16. April 1944 in der Dahner Kirche St. Laurentius zur Erstkommunion gegangen.
Dahn. Die Zeitzeugin J.F. berichtet, dass jedermann auf der Verwaltung (Kommandantur) auf Antrag einen Kriegsgefangenen zur Arbeit anfordern konnte. So bekam auch ihre Familie einen Gefangenen zur Gartenarbeit zugeteilt. Der 17jährige verschüchterte Russe hat sich bei Familie J. T. wohlgefühlt. Er wurde morgens abgeholt und abends wieder ins Lager zurückgebracht. Zum Mittagessen wurde der Russe von J. T. an den Tisch geholt, was von den Nazis unter Strafe verboten war. Der Gefangene war hoch gebildet und sehr arbeitsam. Er hat Selbstgebasteltes mitgebracht, um es gegen Brot zu tauschen. Dahn. Der Zeitzeuge N. N. berichtet über die Behandlung italienischer Kriegsgefangener in Dahn: Im Spätherbst 1944 führte der SA-Mann J. K. italienische Gefangene - seit dem Umsturz durch General Badoglio Badoglios genannt - von Schanzarbeiten (Panzersperrenbau, Panzergraben ausheben) zu ihrem Quartier auf dem Gelände der ehemaligen Schuhfabrik Cronauer bzw. in den Kinosaal Zwick zurück. Als der Trupp durch die Tannstraße an der Feldschlächterei Herder vorbeikam, stürzten ausgehungerte Badoglios auf die Abfallgrube, um mit tierischen Abfällen (Därmen, Innereien, Knochenresten) ihren Heißhunger zu stillen. Der SA-Mann schlug mit seinem Knüppel brutal auf die Gefangenen ein. Er hat Gefangene blutig geschlagen. Der 17jährige Frontsoldat M. S., der auf Heimaturlaub war, schaute dem Geschehen entsetzt zu. Er sagte zu dem SA-Mann sinngemäß: Lassen Sie die Gefangenen in Ruhe. Ich bin auf Heimaturlaub und in wenigen Tagen kann es mir an der Ostfront genauso ergehen, wie den Gefangenen hier. Der SA-Mann J. K. meldete das Einschreiten des Frontsoldaten M. S. bei der Ortsgruppenleitung. Daraufhin wurde M. S. vorgeladen. Die Ortsgruppenleitung drohte dem Heimaturlauber Sanktionen an. Ein mit dem Heimaturlauber bekannter SA-Mann beendete das Verfahren mit dem Satz: Laßt doch den Soldaten in Ruhe, das ist der Katsche ihr Bub, der in den nächsten Tagen wieder an die Ostfront kommt.. Dahn. Der Zeitzeuge T. Z. berichtet, dass die Italiener (Badoglios) erst im Spätsommer 1944 (Juli/August bis Oktober) für Schanzarbeiten nach Dahn gebracht wurden. Sie mußten Panzergräben ausheben und Panzersperren bauen. Die Zahl der Gefangenen soll sich zwischen 1000 bis 2000 Mann bewegt haben. Die Italiener waren auf dem Gelände der Schuhfabrik Cronauer (heute Pennymarkt), Pirmasenser Straße Nr. 62 und im Kinosaal Peter Zwick (heute Getränkeabteilung Euromarkt), Pirmasenser Straße Nr. 58, untergebracht. In den ersten drei Tagen bekamen die Gefangenen nichts zu essen. Bewacht wurden sie u. a. von NS-Männern aus Dahn. Zeitzeugen berichten, dass Gefangene geschlagen und drangsaliert wurden.

Bobenthal. Die Zeitzeugin E. berichtet: Im Saal (Tanzsaal) des Gasthauses Landgasthof (ehemals Gasthaus Kiefer) waren mehrere Kessel aufgestellt. Hier haben zwei Frauen aus Bobenthal für die Gefangenen gekocht. Die Polen wurden von deutschen Soldaten bewacht und jeden Morgen in Richtung Niederschlettenbach zur Arbeit geführt. Kurz bevor die Amerikaner einrückten (22. März 1945), flüchteten die Wachsoldaten mit den Polen. Die zurückgelassenen Karabiner warf die Zeitzeugin aus Furcht vor den heranrückenden Amerikanern in die Mistgrube vor ihrem Haus und bedeckte sie mit Stroh und alten Säcken.

Busenberg. Zeitzeugen berichten: Die Gefangenen wurden unter Bewachung morgens aus dem Dorf zur Arbeit geführt und abends wieder ins Lager zurückgebracht. Arbeitsstellen waren u.a. das Sägewerk Thomasser auf der Reichenbach und der Pionierpark am Dickenberg. Um ihren Hunger zu stillen, haben Gefangene Körbe geflochten, Kinderspielzeug gefertigt und gegen Brot und Lebensmittel getauscht. Es gab auch Tote. Diese wurden in Richtung Dahn weggebracht. Man vermutet, dass sie im Almensäckers Wald oder am Dickenberg begraben wurden.
Busenberg. Die Zeitzeugin I. K. berichtet über ihre ukrainische Freundin: Die Ukrainerin Anna kam verschüchtert und mit ein paar Habseligkeiten unterm Arm zu uns (Familie Laux). Anfangs war sie sehr schweigsam. Sie war ein einfaches, aber geschicktes und arbeitsames Mädel. In kurzer Zeit hat sie die deutsche Sprache erlernt. Im Sticken war sie eine Meisterin. Sie war nur wenige Jahre jünger als ich, etwa 18 Jahre alt. Anna wurde bei uns als Familienmitglied aufgenommen und hat bei mir im Schlafzimmer geschlafen. Anna war eine furchtlose Frau; sie hat bei Fliegeralarm nie einen Luftschutzkeller oder einen Bunker aufgesucht. Ab und zu besuchte Anna ihre Landsleute auf dem Bärenbrunnerhof, selbst gefährliche Jabo-Angriffe konnten sie davon nicht abhalten. Anna hatte noch einen Bruder in Deutschland, der nach 1945 in Deutschland geblieben ist. Nach dem Kriegsende wurden Anna und die anderen Ukrainer in der Dorfmitte an der Linde abgeholt. Wir haben uns unter Tränen verabschiedet. Wohin sie gebracht wurde, weiß ich nicht. Ich habe nichts mehr von ihr gehört. Die Zeitzeugin berichtet von weiteren Zivilarbeitern in Busenberg: Beim Viehhändler Hermann Keller arbeitete ein Ukrainer, beim Bauer Ferdinand Laux eine Ukrainerin namens Anna, beim Bauer Ernst Müller eine Ukrainerin, beim Bauer Reinhard Müller ein Pole namens Stefan und beim Bauer Johannes Wachtel ein sehr gebildeter Ukrainer, der Englisch sprach. Familie Reinhard Müller stand mit ihrem polnischen Zivilarbeiter Stefan nach dem Krieg in regem Briefkontakt, Pakete wurden nach Polen geschickt.

Fischbach. Die Zeitzeugin A. Sch. berichtet, dass 1944 italienische Kriegsgefangene (Badoglios) in einer Baracke am Krottenhof in Richtung Petersbächel (Zollhäuser) untergebracht waren. Sie waren zu Schanzarbeiten eingesetzt. Die Gefangenen mussten Hunger leiden. Die Familie der Zeitzeugin A. Sch. gab den Kriegsgefangenen heimlich zu essen. 1945, nach der Befreiung, hat der ehemalige italienische Kriegsgefangene Nikolaus aus Italien Obst an die Familie nach Fischbach geschickt.

Ludwigswinkel. Der Zeitzeuge W.W. berichtet: In der Baracke befanden sich etwa 40 russische Kriegsgefangene. Sie waren in der Gerberei Fritz Krämer, bei Waldarbeiten und als Erntehelfer eingesetzt. Mein Vater hat die russische Kriegsgefangenen bewacht. Ab und zu hat er eine Wildsau für sie geschossen. War durch einen Jabo-Angriff ein Pferd getötet worden, dann erlaubte er den Russen, dieses auf einem Karren in das Lager zu schaffen. Bei Kriegsende hat sich mein Vater mit den Gefangenen abgesetzt. Als er mit den russischen Kriegsgefangenen bei Johanniskreuz von den Amerikanern überrollt wurde, haben ihn die Gefangenen als Russen verkleidet und schützend in ihre Mitte genommen. Am Müttergenesungsheim sollen einige Gefangene/Ostarbeiter begraben sein.


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